Mein Freiwilliges Soziales Jahr in Aberdeen

Erfahrungsbericht von Alisa Greber

Ich habe mein IJFD in der Newton Dee Camphill Community in Bieldside / Aberdeen verbracht. Die Anlage besteht aus mehreren Wohnhäusern, Werkstätten, einem Café, einer Bäckerei und mehreren Farmen.

Ich wohnte im Haus „ Deeside 2“ mit vier körperlich bzw. geistig behinderten Menschen zusammen, denen ich auch teilweise beim Anziehen oder Zähneputzen helfen musste. Außerdem gehörten auch Putzen und Kochen zu meinen Aufgaben im Haus. Das Zusammenleben mit meinen Mitbewohnern war nicht immer einfach, es war auch oft stressig und nervenaufreibend: so gab es oft Konflikte zwischen zwei von ihnen. Dann wurde geschrien, mit Essen geworfen und auch geschlagen. Damit hatte ich anfangs Probleme, weil ich nicht wusste, wie ich mich in den jeweiligen Situationen verhalten sollte. Die anderen Betreuer sagten mir aber, dass es wichtig ist, ruhig zu bleiben und nicht laut zu werden. So lernte ich im Laufe der Zeit immer mehr, geduldig zu sein, was im Umgang mit Behinderten sehr wichtig ist.

Eine weitere Herausforderung in unserem häuslichen Zusammenleben war der Umgang mit jeder Person im Einzelnen: zu lernen, wie ich sie nehmen muss, was ich sagen oder tun kann ohne sie zu verletzen. Manche von ihnen redeten pausenlos und diskutieren bringt nichts. Kochen konnte ich zu Beginn nicht, habe aber immer wieder Neues ausprobiert und es hat mir umso mehr Spaß gemacht, wenn ich gesehen habe, dass sich meine Mitbewohner darüber gefreut haben. Wir machten auch Ausflüge zusammen, gingen ins Kino und anschließend Essen. Das machten wir auch an den jeweiligen Geburtstagen und suchten das Restaurant zuvor zusammen aus. Des Öfteren war ich auch samstags mit einem meiner Mitbewohner unterwegs, dann besuchten wir das Café in der Anlage, das übrigens öffentlich ist, ebenso wie der angrenzende Laden, wo eigene Produkte aber auch Lebensmittel aus aller Welt verkauft wurden.

Sehr viele Stunden meiner Zeit verbrachte ich im „ Toyshop“, einer der vielen Workshops in denen Behinderte und Nichtbehinderte zusammen arbeiten. Wir fertigten zusammen Spielzeuge und andere Dinge aus Holz, die im Café der Community oder am Weihnachtsbasar verkauft wurden. Es steckt unheimlich viel Arbeit in den einzelnen Teilen, jeder der Arbeiter hatte es mindestens einmal in der Hand, sei es zum Sägen, zum Schleifen, zum Ölen oder zum Bemalen. Jeder hat seinen Teil zum Gelingen eines jeden Projektes beigetragen, was es am Ende auch so wertvoll macht. Das Arbeiten mit Holz hat mir sehr viel Spaß gemacht. Außerdem kann man in Newton Dee im „Metallshop“, im „Dollshop“, im „ Craft Studio“, in der „ Activity Group“ oder in der Bäckerei oder auf den Farmen arbeiten. In der „ Activity Group“ war ich auch einmal in der Woche, wodurch ich weitere Bewohner kennenlernen und mit ihnen arbeiten konnte. Wir strickten, webten oder malten mit Wasserfarben.

Das erste halbe Jahr verging wie im Flug, das zweite zog sich eher in die Länge.

Irgendwann bekam ich Probleme damit, so wenig Privatsphäre zu haben. Außerdem ergaben sich für meine behinderten Mitbewohner immer wieder „Probleme“, die keine waren bzw. sich nichts an dem bekannten Zustand verändert hatte: so war z.B. die Dusche plötzlich zu kalt, obwohl das Wasser die gleiche Temperatur hatte wie immer; dann war der Wecker nicht richtig eingestellt, obwohl die Weckzeit auch die gleiche wie immer war. Diese Situationen empfand ich als extrem anstrengend und so war ich froh, wenn ich auch mal Zeit für mich hatte. Dann fuhr ich in die Stadt, ging spazieren oder war mit anderen Co-Workern  (Freiwilligen) unterwegs.

Eines der schönsten Erlebnisse meines FSJ war Weihnachten. Sie haben dort einen wunderschönen Brauch: sie gehen um Mitternacht in den Kuhstall und singen Weihnachtslieder für die Kühe. Das war echt toll!

Im Laufe der Monate haben wir auch eine Co-Worker-Band gegründet, die „Camphill Flowers“; es konnte jeder teilnehmen, der Lust hatte und wir traten auch mal im „ Folk-Club“ auf, einem der Abendangebote in Newton Dee, welcher jedoch nur einmal im Monat stattfindet.

Im April mussten alle Co-Worker zusammen ein Theaterstück einstudieren und organisieren, welches wir gegen Ende Juni aufführen mussten. Wir hatten uns für „ Alice im Wunderland“ entschieden, die Organisation und die Proben nahmen sehr viel Zeit in Anspruch; die Kostüme, das Bühnenbild, die Beleuchtung  etc., alles lag in unserer Verantwortung und so musste jeder seinen Beitrag zum Gelingen des Projektes leisten. Ich hatte bereits im Musical „ Aladdin“ mitgespielt, das wir zusammen mit unseren behinderten Mitbewohnern aufführten…. beide Aufführungen waren ein großer Erfolg und machten Riesenspaß.

Meine weiteren persönlichen Highlights waren Halloween, wo es dann auch einen Kostümwettbewerb gab und der „Pancake-Day“, bei dem jede Wohneinheit Pfannkuchen backen musste. Dann gab es ein Wettrennen für Rollstuhlfahrer, Kinder, House-coordinators und verschiedene Altersgruppen. Während des Rennens mussten die Pfannkuchen in einer Pfanne mindestens zweimal hochgeworfen und wieder aufgefangen werden. Den Siegern winkten Süßigkeiten und gravierte Holzbrettchen. Es machte allen sehr viel Freude.

Was ich nicht mochte, die Teilnahme aber Pflicht war, war der „Foundation Course“, in dem eine Vielzahl von unterschiedlichen Themen behandelt wurde. Er fand donnerstags in der Mittagspause und wieder nach dem Abendessen stattfand. Somit war man eigentlich den ganzen Tag über permanent beschäftigt und hatte kaum Zeit zum Verschnaufen.

Obwohl es über das gesamt Jahr gesehen nicht immer einfach war, habe ich den Entschluss ein Freiwilliges Soziales Jahr im Ausland zu machen, nicht bereut. Ich habe in erster Linie sehr viel für und über mich selbst gelernt und neue Fähigkeiten an mir entdeckt. Des Weiteren habe ich viele neue, wichtige und schöne Erfahrungen im Umgang und im Zusammenleben mit behinderten und nicht behinderten Menschen sammeln können. Manche sind mir während der ganzen Zeit sehr ans Herz gewachsen und ich hoffe, dass der Kontakt jetzt, wo ich wieder zuhause bin, nicht abreißt.

Ein FSJ würde ich jederzeit wieder machen.

2018-04-30T19:36:53+00:00

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