Mein FSJ in der L‘Arche Homefires

Erfahrungsbericht von David Gussen

Vorwort

„Selbstständigkeit, interkulturelle Kompetenzen, Unabhängigkeit, bessere Verständigung, Selbstvertrauen“ – all dies waren Begriffe, mit denen auf der Eos-Website ein Freiwilligendienst im Ausland beworben wurde. Vorweg: Es wurde nicht zu viel versprochen!
Mein Internationaler Jugendfreiwilligendienst (IJFD) in Wolfville, Nova Scotia, hat mir noch viel mehr gegeben: Freundschaften, soziale Kompetenzen, aber auch Belastungs- und Frustrationstoleranz – kurz zusammengefasst: Life skills. Selbstverständlich habe ich mir diese nicht alle selbst angeeignet. Vom ersten Moment an hat jede und jeder, der/die mir im Zusammenhang mit diesem Dienst begegnet ist, zum Erfolg beigetragen. Mitarbeiter bei Eos, die Mitfreiwilligen und besonders L‘Arche Homefires, meine Einsatzstelle und mein Zuhause während der letzten zwölf Monate.

Einsatzstelle

Diese Community besteht aus fünf Häusern, in denen insgesamt 19 Bewohner und ebenso viele Assistenten leben, 3 Tagesprogrammen und dem Büro. Zusammen mit den Assistenten dort und den vielen „Casuals“, die entweder im Schichtbetrieb oder auf Abruf arbeiten, ist L‘Arche Homefires Arbeitgeber für rund 70 Personen und regelmäßig auch die Einsatzstelle für Freiwillige aus Deutschland.

In „meinem“ Haus – Emmaus House – leben vier Menschen mit Behinderung und drei Assistierende plus die Hausleitung, die für acht Stunden am Tag kommt. Auch wenn es zwischenzeitlich nicht danach aussah, so kann ich guten Gewissens sagen, dass dieses Haus im Verlauf der zwölf Monate zu einem Zuhause für mich geworden ist und ich die Bewohner und das Team mittlerweile sehr vermisse.

Es war nicht immer leicht und erst recht nicht einfach, aber davon ist auch niemand ausgegangen. Ein Freiwilligendienst ist immer eine Herausforderung, nur so lernt man dazu und über sich hinauszuwachsen. Heimweh gehört so selbstverständlich dazu wie Gedanken daran abzubrechen, denen ich aber Gott sei Dank kein Gehör geschenkt habe. Was mir in diesen Situationen geholfen hat, war der Kontakt mit den Menschen vor Ort und irgendetwas, um mich selbst abzulenken. Ich war nicht der Erste, der dort gearbeitet hat und dem Zweifel kamen. Andere Assistenten wussten mir gut zu helfen; viele von ihnen hatten oder haben selbst solche Erfahrungen.

Aufgaben

Meine Aufgabenbereiche vor Ort waren sehr vielfältig: ein großer Teil nahm die Unterstützung bei der Körperpflege in Anspruch. Da drei der Bewohner in unserem Haus fast uneingeschränkt kommunizieren können, haben wir auch viel emotionale Unterstützung geboten, die mit Sicherheit noch anspruchsvoller als physische Unterstützung ist. Dazu kamen Haushaltsaufgaben wie Kochen, Spülen, Putzen, Einkaufen und Wäsche waschen. Außerdem plante ich Veranstaltungen, begleitete die Core Member (so werden die Bewohner in den englischsprachigen Gemeinschaften genannt) zu Arztterminen und unterstützte sie in ihrer Freizeitgestaltung. Viele dieser Aufgaben waren für mich vollkommen neu und dementsprechend nicht immer leicht. Mein Team, bestehend aus unserer US-amerikanischen Hausmutter, einem Belgier, einer Vietnamesin und am Ende auch einer Kanadierin, war dabei eine große Hilfe und mein erster Ansprechpartner. Daher, dass alle ähnliche Erfahrungen machten, konnten wir auf einer Ebene über unsere Probleme sprechen.

Betreung

Allgemein ist L‘Arche Homefires bemüht, die Probleme auch der Assistenten ernst zu nehmen und ihnen die nötige Unterstützung zu gewährleisten. Mittel dabei sind zum Beispiel die „Roles & Goals“: Die Hausleitung sitzt einzeln mit den Assistenten zusammen und bespricht, wie er/sie sich fühlt, welche Probleme es in der Vergangenheit im Haus gab oder immer noch gibt, welche Schwierigkeiten beim Umgang mit den Bewohner oder sogar mit den anderen Assistenten aufkommen, oder aber auch was besonders gut läuft und weiter gefördert werden kann. Anschließend werden gemeinsam Strategien entwickelt und Pläne aufgestellt.

Auch wenn diese Treffen in der Praxis eher monatlich statt – wie ursprünglich geplant – zweiwöchig stattfanden, waren sie eine Hilfe für mich, da ich im Vertrauten offen diverse Dinge mit meiner Hausleitung ansprechen konnte. Ergänzend zu den R&G gibt es regelmäßige „Reviews“: eine kurze nach drei Monaten in der Gemeinschaft, eine nach sechs Monaten, nach zwölf Monaten und anschließend jährlich. Sie bestehen aus den drei Teilen: Gifts and Strengths, Appreciate Contributions und Development Priorities. Diese Teile werden mit Ausnahme von dem zweiten aus Beiträgen drei verschiedener Parteien geschrieben: der/die Reviewee, die Mitarbeiter und der/die nächste Vorgesetzte.

Diese Überprüfungen sind ein langer Prozess und das Erstellen ist auch kein Spaß, aber sie erlauben eine genaue und umfangreiche Rückmeldung an den Assistenten. Außerdem wird Selbstreflexion gefördert und die bereits unternommenen Anstrengungen überprüft. Orientiert wird sich bei den Reviews übrigens am Servant Leadership Model. Diese Führungsphilosophie wurde von L‘Arche Canada erarbeitet und erklärt detailliert, welche Anforderungen an die Assistenten gestellt werden.

Dies hat mir persönlich natürlich auch geholfen, mich gezielt weiterzuentwickeln. Über das Jahr hinweg konnte ich mich in vielen Bereichen entwickeln. In manchen unbewusst, in manchen bewusst. Ein Beispiel für Letzteres ist zum Beispiel Spiritualität:

Spiritualität

Über das Jahr hinweg konnte ich mich in vielen Bereichen entwickeln. In manchen unbewusst, in manchen bewusst. Ein Beispiel für Letzteres ist zum Beispiel Spiritualität:

L‘Arche ist in katholischer Tradition gegründet worden, versteht sich mittlerweile aber ökumenisch und offen für andere Religionen. Nach wie vor bleibt der Aspekt der Spiritualität sehr präsent. Es gibt monatliche „Community Prayers“, zu denen die gesamte Gemeinschaft zusammenkommt. Dazu kommen Gebete in den einzelnen Häusern. Dabei wird viel gesungen, häufig auch gebastelt oder es gibt eine andere Aktivität und natürlich wird auch gebetet.

Ich habe schon früh meine persönliche Reise auf dem Weg der Spiritualität als eines der Ziele meines Jahres gesetzt. Rückblickend kann ich sagen, dass ich dort große Fortschritte gemacht habe und auch Bereiche kennengelernt habe, derer ich mir vorher nicht so bewusst war. Die Traditionen von L‘Arche, wie zum Beispiel das tägliche Vater Unser nach dem Abendessen oder die erwähnten Gebetsstunden halfen mir ebenso sehr dabei, wie die Unterstützung anderer Assistenten, allen voran zwei Assistentinnen aus unserem Haus, mit denen ich unendlich viele Diskussionen geführt und Meinungen ausgetauscht habe.

Selbstständigkeit

Ein anderer Bereich, in dem ich mich entwickelt habe, ist Selbstständigkeit und Unabhängigkeit. Es ist zunächst eine Herausforderung, dass Wohnort und Arbeitsplatz ein- und derselbe Ort sind. Mit der Zeit habe ich Methoden entwickelt, um trotzdem ein Gleichgewicht herzustellen und meine Privatsphäre zu erhalten. Dazu gehört auch ein Bewusstsein, welche Bedürfnisse man besonders im Bezug auf Alleinsein oder Auszeiten hat. Auch dabei hat mir das Jahr geholfen, meine Wünsche klarer auszusprechen, ihnen zu folgen und trotzdem Kompromisse einzugehen. Das hat Konfliktmomente natürlich nicht verhindert, aber deutlich reduziert und das Potential gemindert.

Herausforderungen

Die größten Herausforderungen stellten sich für mich an den Tagen, an denen ich alleine gearbeitet habe. Es kamen dann zwar morgens und abends Supportpersonen, um den Bewohnerinnen bei der Körperpflege zu helfen und beim Abendessen anwesend zu sein, aber ich war trotzdem der erste Verantwortliche und der einzige, der unsere Bewohner wirklich kannte. Dazu ist zu wissen, dass wie oben bereits erwähnt, drei unserer Bewohner verbal sind. Gemischt mit speziellen Charaktereigenschaften kam es durchaus häufiger zu Spannungsmomenten, in denen wir Assistenten eingreifen mussten, um ein gesundes Klima zu erhalten. Im Laufe des Jahres habe ich Taktiken dafür entwickelt und auch einige Taktiken der anderen Assistenten übernommen, aber ich habe es nie geschafft, mich wirklich wohl zu fühlen, wenn ich alleine gearbeitet habe. Alle anderen im Haus wussten allerdings darüber Bescheid und versuchten, soweit es ging, mich dabei zu unterstützten. Als besonders hilfreich habe ich dabei auch das direkte Gespräch mit unseren Bewohnern empfunden, wenn ich ihnen genau gesagt habe, wie ich mich fühle und welche Art von Mitarbeit ich mir von ihnen wünsch, bzw. erhoffe.

Bindungen

Sämtliche Bewohner in unserer Gemeinschaft sind wunderbare Menschen, deren Potential nicht zu unterschätzen ist und wo ich mich glücklich schätze, bei der Entfaltung jenes Potential hilfreich gewesen zu sein. Die engsten Bindungen habe ich natürlich mit denjenigen aufgebaut, mit denen ich zusammengelebt habe. Sie sind, genauso wie die anderen Assistenten, zu meinen Freunden geworden.

Eine besondere Bindung habe ich mit der jüngsten und neuesten Bewohnerin, die gleichzeitig die einzige Gehörlose und Nonverbale bei uns im Haus ist. Ihr Einzug hat das ganze Haus vor die Herausforderung gestellt, neue Wege der Kommunikation zu finden. Sie ist der Amerikanischen Gebärdensprache (ASL) mächtig und so haben wir als ganzes Haus und Team über mehrere Monate Gebärdensprache gelernt. Tatsächlich ist es ein dauernder, nie abgeschlossener Prozess und ich bin sehr glücklich, diese Erfahrung gemacht haben zu können.

Highlights

Am 20.12.16 haben wir unser individuelles „Emmaus-Christmas“ gefeiert. Der Tag begann mit der großen Feier, zu der die gesamte Gemeinschaft zusammenkam. Es wurde viel gesungen, getanzt, es gab ein Krippenspiel, es wurde gewichtelt und am Ende gab es Pizza. Nachmittags kamen alle acht Bewohner unseres Hauses zusammen und haben in kleinerem Rahmen Weihnachten gefeiert. In den anschließenden Tagen sind fast alle der Core Members nämlich zu ihren Familien gefahren, und so haben wir Weihnachten vorgezogen. Es war ein toller Nachmittag mit dem traditionellen Truthahnmahl und anschließender Bescherung. Es war so anders und trotzdem so vertraut im Vergleich zu Weihnachten zuhause in Deutschland und in jedem Fall eine bereichernder Erfahrung.

Insgesamt zweimal während der zwölf Monate sind wir gemeinsam in einen Escape-Room gegangen. Dort geht es darum, Rätsel zu lösen, um Schlösser zu öffnen, um aus dem Raum „fliehen“ zu können. Es werden logisches Denken und besonders Teamwork gefordert. Unser Team hatte schon immer eine tolle Dynamik und diese Ausflüge haben die engen Freundschaften, die wir untereinander hatten, noch verstärkt. Dazu kam noch, dass es auch unglaublich viel Spaß gemacht hat.

Abschied

Zu meiner Abschiedsfeier, die drei Tage vor meinem Abflug stattfand, kam die gesamte Community  und zusätzlich auch meine Eltern, die mich in Kanada besuchten, zusammen. Es war einfach toll, für ein letztes Mal alle zusammen zu sehen. Das Wetter war fantastisch, wir haben gegrillt, es gab viele Spiele, außerdem eine selbstgebaute Wasserrutsche und einen großen Kuchen. Den (fast) Abschluss meines Jahres hat also eine Feier dargestellt, was wunderbar war, denn das Herz von L‘Arche ist die „celebration“.

Ich bin unendlich dankbar für diesen Freiwilligendienst, den ich absolvieren durfte. Ich möchte diese Erfahrungen nicht missen und bin mir der Aufgabe bewusst, diese Eindrücke zu bewahren und den Auftrag zu verfolgen, auch außerhalb von L‘Arche für eine gerechte Welt zu arbeiten.

2018-06-26T13:30:55+00:00

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