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Nach dem Abi ein Jahr im Ausland verbringen – das war seit vielen Jahren mein Traum. Etwas mit Menschen sollte es sein und am besten im englischsprachigen Ausland. Nachdem ich einige Tage am Computer verbrachte, um mir zumindest ein wenig Klarheit über die vielen Möglichkeiten zu verschaffen, stand meine Entscheidung fest: ich wollte in eine Camphill Community.
Nach Irland wollte ich ohnehin schon immer mal und mithilfe von EOS habe ich dann auch sehr schnell und einfach meine Einsatzstelle gefunden: die Camphill Community Kyle im Südosten von Irland.
Zurückblickend kann ich nur sagen, dass dies der beste Ort war, an den ich hätte gehen können und ich habe dort eins der schönsten Jahre meines Lebens verbracht.

Kyle ist eine Camphill Community, das heißt, das Leben dort ist nach dem Prinzip „lifesharing“ aufgebaut. Ich habe im größten Haus der Community gewohnt, mit 4 anderen Co-workern (Freiwilligen) zusammen und 5 Residents (Menschen mit Behinderung). Es gibt noch 4 andere Häuser und insgesamt leben 15 Residents und um die 15-20 Co-worker (die Zahl variiert manchmal, da nicht immer sofort Ersatz da ist, wenn jemand geht) in der Community. Die Co-worker kommen aus der ganzen Welt und es ist wirklich spannend, mal von einem Brasilianer bekocht zu werden (ich habe noch nie zuvor in meinem Leben so viele Bohnen gegessen!) oder von einem Kolumbianer Salsa beigebracht zu bekommen.
Man lebt seinen gesamten Alltag zusammen mit den Residents und relativ schnell fühlt man sich wie in einer großen Familie. Morgens ist man einem oder manchmal auch zwei der Residents (wenn sie nicht so viel Hilfe benötigen) aus seinem Haus zugeteilt und ist dafür zuständig, sie aufzuwecken, beim großen gemeinsamen Frühstück zu unterstützen und dann zum Morning Gathering zu bringen, bei dem sich die ganze Community in einem kleinen Gebäude namens „hall“ trifft und Neuigkeiten über den Tag austauscht und ein Lied zusammen singt.

Danach fängt der erste Workshop an, bei dem man erneut einem Resident zugeteilt ist, dies kann aber auch jemand aus einem anderen Haus sein. Es gibt eine Vielzahl von verschiedenen Workshops und alle Residents haben einen eigenen „timetable“. Das heißt, einer der Residents geht zum Beispiel Montag morgens auf einen „Outdoor Pursuit“, also auf einen Ausflug (spazieren gehen / bowlen / shoppen / …) und arbeitet nachmittags auf dem Feld oder im Garten, in dem jegliches Gemüse, das man sich erdenken kann für die Community angebaut wird. Dienstags kocht er dann morgens in einem der Häuser und geht am Nachmittag schwimmen. Und so weiter… Alle Residents werden bei ihren Workshops von einem Coworker oder einem Angestellten begleitet und unterstützt.
Zum Mittagessen ist man dann wieder in dem eigenen Haus und hilft dem Resident, den man morgens aufgeweckt hat. Danach ist eine Stunde „rest hour“, in der man sich ein wenig entspannen kann, aber immer noch für seinen Resident zuständig ist.
Nach dem Nachmittag-Workshop kommt man zurück zu seinem Haus und ist für den Rest des Abends einem anderen Resident aus dem eigenen Haus zugeteilt, mit dem man zusammen Abend isst und dann noch irgendwelche Abendaktivitäten macht. (zum Beispiel einen Film gucken, spazieren gehen, manchmal skypen Residents mit ihrer Familie usw.)

Und nachdem man denjenigen dann ins Bett gebracht hat, ist ein langer und anstrengender Tag auch schon vorbei und man kann noch ein wenig mit anderen Coworkern zusammensitzen, einen Tee trinken oder ab und zu auch mal in den Pub fahren.
Am Wochenende kann man zwei Stunden länger schlafen und es gibt keine Workshops. Das heißt, jetzt ist es Zeit, mit dem ganzen Haus auf einen Ausflug zu gehen, ans Meer zu fahren, bowlen zu gehen oder irgendetwas anderes tolles zu machen. Mittag gegessen wird meistens in einem Restaurant. Sonntag ist dann ein eher entspannter Tag, an dem man nachmittags mal zusammen einen Film gucken kann oder vielleicht sogar ins Kino geht.
Das ist so der ungefähre Wochenablauf, jeder Co-worker hat einen freien Tag in der Woche und einen freien Abend, an dem er niemanden ins Bett bringen muss.

Es wäre gelogen, zu behaupten, dass das Leben in Kyle nicht unglaublich anstrengend, fordernd und manchmal auch ein wenig einengend ist. Aber man hat auch viele Freiheiten, ganz besonders am Wochenende und die Möglichkeit, seine eigenen Gedanken und Ideen einzubringen, ganz egal in welchem Bereich.
Es ist ein unglaubliches Gefühl, anderen Menschen auf diese Weise helfen zu können und wenn diese Struktur, die einem selbst manchmal vielleicht zu langweilig oder zu wenig abwechslungsreich erscheint, jemandem anderen die nötige Sicherheit gibt und derjenige nur den Moment genießen kann, wenn er bereits weiß, was er morgen oder übermorgen oder sogar nächste Woche machen wird, ist das ein vergleichsweise kleines Opfer, das man gerne gewillt ist, zu bringen.

Auch ich hatte manchmal Tage, an denen mir alles zu viel wurde und ich nichts mehr ersehnt habe, als meinen freien Tag. Jeder von den Co-workern hatte diese Tage. Doch dann ganz plötzlich durch eine kleine Geste, ein herzliches Lachen, ein Dankeschön oder eine aufgehaltene Tür (von dem größten Gentleman dieser Welt … zumindest wenn er will!) ist alles vergessen und man ist einfach dankbar, mit diesen Menschen das Leben teilen zu dürfen.
Bereits nach wenigen Wochen ist ohne, dass ich es gemerkt habe, die Behinderung der einzelnen Personen immer mehr in den Hintergrund gerückt und eher zu einem Teil ihrer Persönlichkeit geworden. Plötzlich ärgert es einen gar nicht mehr so sehr, wenn jemand mal wieder schlechte Laune hat und es quasi unmöglich ist, denjenigen aus dem Bett zu bekommen, sondern freut sich darüber, wenn man ein neues Wort entdeckt hat, das derjenige sagen kann.
Denn es gibt zwar einige, die nicht sprechen können – doch je besser man jemanden kennenlernt, desto mehr versteht man auch die nonverbale Kommunikation, die Gesichtsausdrücke und auch die vielleicht nicht ganz korrekten Gebärdenzeichen, dafür aber die umso einzigartigeren. 😉
Man kommt ins Denken, wenn man jemanden zum glücklichsten Menschen der Welt machen kann, indem er in einem Restaurant einen Burger essen und eine Cola trinken darf. Wenn derjenige beinahe von seinem Stuhl hüpft und das größte Lächeln, das man sich vorstellen kann, im Gesicht hat, wenn das Essen dann kommt. Man denkt über die eigenen Prioritäten nach und beginnt sich ebenfalls mehr über die einfachen, kleinen Dinge zu freuen.
Es ist wirklich harte Arbeit, die sich meiner Meinung aber unglaublich lohnt, weil man so viel zurückbekommt. Man bekommt nicht immer ein offensichtliches „Danke“ zurück, aber wenn einem plötzlich bewusst wird, wie sehr einem ehemals fremde Menschen nun vertrauen und wie natürlich der Umgang mit ihnen geworden ist, erscheinen einem die schwierigen Momente weniger bedeutungsvoll.

Spätestens beim Abschied wurde mir dann nochmal extrem bewusst, wie sehr mir jeder einzelne Resident und jeder Co-workern ans Herz gewachsen sind, denn es war einer der schwersten Abschiede, die ich je erlebt habe.
Doch ich weiß jetzt bereits, dass ich nochmal dorthin zu Besuch kommen werde und habe bereits mehrfach mit den Residents und den anderen Coworkern in meinem Haus telefoniert und werde auch weiterhin den Kontakt halten.
Es ist nicht übertrieben, wenn man sagt, dass man in solch einem Jahr Freunde fürs Leben findet, denn man lernt sich auf eine Weise kennen, wie man nur sehr wenige Personen kennt.

Für mich war Kyle der perfekte Ort mit den perfekten Leuten und ich bin unendlich dankbar, dass ich dieses Jahr erleben durfte.

2018-06-05T13:50:04+00:00

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